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  • Versteckte Juwele: geheime Schätze der (grausam) übersehensten Region Italiens

    Die Marken sind meist nur eine Durchgangsregion – oft abgestempelt als Ziel für altmodischen Strandtourismus, erbarmungslos beiseitegeschoben, weil ihr Meer nicht dem Idealbild jener entspricht, die ständig auf der Suche nach dem „Topspot“ sind. Die Provinz Pesaro-Urbino – die für den Autor einen ganz besonderen Platz im Herzen einnimmt, denn für das Kind, das ich einmal war, bedeutete „Meer“ nichts anderes als Fano – ist ein Füllhorn aus atemberaubenden Hügeln, exzellenter Gastfreundschaft und Renaissance-Geschichte in ihrer prachtvollsten Form.

    Und wer sich von all dem nicht berühren lässt, der trägt wohl eine dürre Seele in sich.

    Panoramablick aus Montefabbri

    Montefabbri – Ein zeitloses Kleinod auf dem Hügel

    Den Auftakt zu dieser faszinierenden Entdeckungsreise bildet Montefabbri, ein nahezu magisches Dorf, in dem alles am richtigen Platz scheint. Hier haben wir für einige Tage übernachtet, da wir uns wegen des Rossini Opera Festivals hauptsächlich in Pesaro aufhielten (Giacomo Rossini wurde in Pesaro geboren). Dieses mittelalterliche Festungsdorf wurde einst von der Familie Fabbri gegründet – die ersten Herren, an die die Geschichtsschreibung erinnert. Seine bewegte Vergangenheit verknüpft sich mit den großen Namen der Region: Urbino, die Malatesta und schließlich im 16. Jahrhundert die Herzöge von Urbino, die den Militärarchitekten Francesco Paciotto mit der Befestigung beauftragten.

    Das Herz von Montefabbri bildet die Pfarrkirche San Gaudenzio, um die sich das Dorf in konzentrischen Gassen wie ein steinernes Labyrinth schmiegt. Die Kirche zählt zu den ältesten der Diözese Urbino (9. Jahrhundert) und beeindruckt durch feine Dekorationen, darunter kostbare Scagliole, die in ihrer Eleganz beinahe unirdisch wirken.

    Eine Scagliola

    Ein Spaziergang entlang der Stadtmauern öffnet den Blick auf ein Panorama von erhabener Schönheit: der Monte Catria, Monte Acuto, Urbino, Monte Nerone, die Felsen Sasso Simone und Simoncello, Monte Carpegna, Monte Titano (San Marino) und in der Ferne das glitzernde Band der Adria.

    Montefabbri

    Mombaroccio – die Geschichte im Kreuzgang

    Wenn man von Montefabbri mit dem Auto talwärts fährt und durch den Ort Monteciccardo kommt, erreicht man Mombaroccio. Durch das monumentale Stadttor Porta Maggiore gelangt man ins Herz vom Dorf, wo die Via Guidobaldo dal Monte zum Hauptplatz Piazza Barocci führt. Dort reihen sich das historische Rathaus und die Kirche San Marco wie Kleinode aneinander.

    Besonders berührend ist das kleine Museum hinter dem Altar, das eine Sammlung sakraler Kunstwerke zeigt – darunter eine anrührende Holzstatue der Madonna mit Kind im Stil der Volkskunst. Ein Rundgang durch den Kreuzgang offenbart historische Fotografien von Einwohnern, die mit sorgfältig verfassten Kurzbiografien ergänzt sind.

    Ein besonderes Highlight ist das Museum der bäuerlichen Zivilisation, das landwirtschaftliche Werkzeuge und Alltagsgegenstände vergangener Jahrhunderte ausstellt. Mittelpunkt: ein imposanter Rotor einer Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert.

    Cartoceto – Das Dorf mit der Fischgräte

    Ungewöhnlich schon auf der Landkarte: das nächste Ziel, Cartoceto, fällt durch seine fischgrätenartige Struktur auf – ein Zeugnis der Topografie des Hügels, auf dem es sich ausbreitet. Anders als viele andere Dörfer in der Umgebung, die sich auf Hügelkuppen thronend präsentieren, entfaltet sich Cartoceto schräg abfallend in Richtung Tal.

    Der Legende nach wurde der Ort von karthagischen Soldaten besiedelt, die die berühmte Schlacht am Metauro überlebt hatten – daher auch der Name. Der Parkplatz Piazzale Marconi auf der Hügelspitze – im Volksmund „La Turchia“ genannt – bietet einen weiten Blick über das Land und war einst ein strategischer Aussichtspunkt gegen Piratenüberfälle.

    Besonders bemerkenswert: Die sozialen und wirtschaftlichen Kernpunkte des Ortes – Marktplatz, Volkspalast – befinden sich unten im Dorf. Wer oben startet, wird überrascht von der Transformation vom idyllischen Häuserensemble zur quasi städtischen Atmosphäre weiter unten.

    Saltara und Piagge – Im Schatten alter Mauern

    Beim Abstieg zur antiken Römerstraße Via Flaminia eröffnet sich ein Blick auf Saltara mit seinen markanten Stadtmauern, dem stolzen Burgeingang samt Monumentaltreppe und der von Säulen gesäumten Marktstraße, die von der Familie Malatesta gestiftet wurde.

    Besonders geheimnisvoll wird es im nahe gelegenen Piagge. Hier, am Fuße der alten Burg, befindet sich der Eingang zu einer unterirdischen Hypogäumshöhle, die erst 1996 entdeckt und 2016 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Die geometrischen Muster an Wänden und Decke lassen auf rituelle oder initiatische Nutzung durch Ritterorden schließen – ein Ort von mystischer Anziehungskraft, vergleichbar mit jenen von Frontino oder Sant’Arcangelo di Romagna.

    Hypogäum Piaggia

    Mondavio – Die Krone der Renaissance-Festungen

    Den krönenden Abschluss von unserem Ausflug bildet Mondavio, dessen Rocca Roveresca zu den spektakulärsten Festungen der Renaissance zählt. Entworfen von Francesco di Giorgio Martini im Auftrag von Giovanni della Rovere, blieb sie zwar unvollendet, wurde aber nie angegriffen – und ist deshalb heute nahezu unversehrt erhalten.

    Einzigartig ist der achteckige Bergfried mit seinen abgeschrägten, trapezförmigen Wänden, die dem Angreifer weder klare Kanten noch eine offensive Angriffsfläche bieten. Eine raffinierte Strategie, die nicht nur militärisch, sondern auch ästhetisch überzeugt.

    Bergfried Mondavio