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  • Mugello: Ein verstecktes Juwel nördlich von Florenz

    Mugello: Ein verstecktes Juwel nördlich von Florenz

    Kreuzung bei Sant’Agata

    Als wir im August von Ligurien in die Marken reisen mussten, entschieden wir uns für einen Zwischenstopp in der Provinz Florenz – genauer gesagt im Mugello, einer historischen Region im Norden der Toskana.

    Mugello war jahrhundertelang ein wichtiges Transitgebiet Richtung Norden – und ist es bis heute geblieben. Die Autobahn A1, die wichtigste Verkehrsader Italiens, sowie die Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnlinie verlaufen hier. Neben der Autobahn gibt es mehrere bedeutende Passstraßen für Bergüberquerungen, darunter den Futa-, Giogo-, Colla- und Muraglione-Pass.

    Ursprüngliche Toskana abseits der Touristenpfad

    Wer bereits die sanften Hügel von Siena oder Arezzo kennt, wird das Mugello als rustikaler, archaischer und wilder empfinden. Die Landschaft unterscheidet sich stark von der Anmut des Val d’Orcia oder der Pracht der florentinischen Renaissance – obwohl Florenz nur 30 Kilometer entfernt liegt!

    Mugello bietet eine authentische Seite der Toskana, fernab von überfüllten Touristen-Hotspots. Ideal für Reisende, die das unberührte Italien entdecken möchten.

    Die Westseite des Mugello Entdeken

    Wer ausGenua anreist, verlässt die Autobahn A11 bei Calenzano und folgt der Provinzstraße 8 bis nach Croci di Calenzano. Unser erster Stopp war Barberino di Mugello, eine eher unspektakuläre Stadt – aber perfekt für eine kurze Pause.

    Da es Samstag war, entdeckten wir den Wochenmarkt und nutzten die Gelegenheit, um ein typisch florentinisches Gericht zu probieren: Lampredotto-Panini. Wegen der sommerlichen Hitze hielten wir unseren Spaziergang entlang der Hauptstraße kurz. Am Ende des Corso Corsini befinden sich die Pfarrei San Silvestro und das Oratorium der Heiligen Sebastiano und Rocco – letzteres fanden wir besonders sehenswert.

    Bilancino-See und Villa Medicea di Cafaggiolo

    Auf dem Weg von Barberino nach Scarperia passiert man den Bilancino-Stausee, ein Paradies für Wassersportler. Der See bietet zwei Strände mit Badeeinrichtungen sowie zahlreiche Sportmöglichkeiten wie Segeln, Rudern, Kajakfahren und Windsurfen. Angeln ist in den dafür vorgesehenen Bereichen ebenfalls erlaubt.

    Nur wenige Kilometer oberhalb des Sees thront die Villa Medicea di Cafaggiolo, ein beeindruckendes UNESCO-Weltkulturerbe. Während der Zeit von Lorenzo de’ Medici diente sie als Treffpunkt für Intellektuelle und Literaten – ein historisches Juwel, das man nicht verpassen sollte!

    Scarperia: Ein historisches Architekturjuwel in der Toskana

    Das malerische Dorf Scarperia wurde im Jahr 1306 von der florentinischen Regierung gegründet, um die Macht der Ubaldini-Familie einzuschränken. Die Ortschaft ist entlang einer Nord-Süd-Achse ausgerichtet, mit der Piazza dei Vicari als zentralem Punkt.

    Der Palazzo dei Vicari: Geschichte in Stein gemeißelt

    Das Wahrzeichen von Scarperia ist der Palazzo dei Vicari, dessen Fassade mit zahlreichen Wappen geschmückt ist. Diese Wappen stammen von den Vikaren, die das Gebiet im Auftrag der florentinischen Regierung verwalteten – ihr Mandat dauerte jeweils nur sechs Monate, weshalb so viele Wappen erhalten geblieben sind.

    Besonders wertvoll sind die linksseitigen Wappen, die von der berühmten Della Robbia-Werkstatt mittels Glasur-Technik gefertigt wurden. Heute beherbergt der Palazzo dei Vicari das Museo dei Ferri Taglienti („Museum der scharfen Eisen“), das Scarperias jahrhundertealte Tradition der Messerherstellung würdigt.

    Sehenswürdigkeiten rund um die Piazza dei Vicari

    Neben dem Palazzo befinden sich an der Piazza dei Vicari zwei bedeutende religiöse Bauwerke:

    • Die Kirche der Heiligen Jacopo und Filippo
    • Die Kapelle der Madonna di Piazza, in der einst die Vereidigung der neuen Vikare stattfand

    Scarperia ist nicht nur historisch faszinierend, sondern auch ein wichtiger Ort für die traditionelle toskanische Handwerkskunst – ein absolutes Muss für Kultur- und Geschichtsliebhaber!

    Kloster Bosco ai Frati: Das älteste Kloster der Toskana

    Nur wenige Kilometer südlich von Scarperia liegt das beeindruckende Kloster Bosco ai Frati, das bereits im 6. Jahrhundert n. Chr. gegründet wurde. Damit gilt es als das älteste Kloster der Toskana und hat eine bewegte Geschichte hinter sich.

    Ein Ort der Spiritualität und Geschichte

    Im Laufe der Jahrhunderte soll das Kloster bedeutende Persönlichkeiten beherbergt haben, darunter Franz von Assisi und Bonaventura von Bagnoregio. Noch heute strahlt dieser Ort eine besondere Atmosphäre der Ruhe und Besinnung aus.

    Das Meisterwerk von Donatello

    Ein Highlight der Besichtigung ist das hölzerne Kruzifix, das Donatello zugeschrieben wird. Auch dieses Kunstwerk hat eine bewegte Geschichte und ist ein bedeutendes Zeugnis der italienischen Renaissancekunst.

    Besichtigung und Eintritt

    Der Besuch des Klosters Bosco ai Frati ist kostenlos – eine wunderbare Gelegenheit, ein Stück toskanischer Geschichte und Kunst hautnah zu erleben.

    Sant’Agata: Ein charmantes Dorf ‘auf dem Weg der Götter’

    Nach unserem Besuch im Kloster Bosco ai Frati fuhren wir weiter nach Sant’Agata, einem malerischen, rustikalen Dorf im Herzen des Mugello, wo wir übernachteten.

    Hier haben wir entdeckt, dass das Dorf ein Halt auf der Via degli Dei ist, einem berühmten Wanderweg, der das Tosco-Emilianische Apennin überquert und die Städte Bologna und Florenz verbindet.

    Sant’Agata hat sich um die Pfarrkirche Sant’Agata entwickelt, die bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und auf den Grundmauern eines früheren Gotteshauses aus der frühchristlichen Zeit (4. oder 5. Jahrhundert) erbaut wurde.

    Die Kirche von Sant’Agata: Historische Kunst und Architektur

    Die Pfarrkirche Sant’Agata ist besonders für ihre Schachbrettverzierung an der linken Außenwand bekannt – ein faszinierendes architektonisches Detail, das man nicht verpassen sollte.

    Im Inneren der Kirche sticht das Taufbecken von 1175 ins Auge, das zusammen mit einem Taufstein aus dem 16. Jahrhundert einen historischen Schatz darstellt. Besonders bemerkenswert ist auch der Reliquienschrein der Heiligen Agatha auf der linken Seite.

    Die Kirche wurde mehrfach im Barock umgebaut und verschönert, doch in den 1960er Jahren restaurierte man sie in ihrer ursprünglichen Form. Sie ist das einzige Beispiel in der Toskana, bei dem die hölzernen Dachstühle direkt auf den steinernen Pfeilern ruhen – ein einzigartiges architektonisches Merkmal.

    Trotz ihrer soliden romanischen Struktur fällt auf, dass die Kirche keine Renaissance-Elemente aufweist, was die Distanz zur florentinischen Renaissance verdeutlicht – obwohl Florenz nur etwa 30 Kilometer entfernt ist.

    Kulinarische Highlights: Fiorentina-Steak und mehr

    An diesem Abend entschieden wir uns, in der Antica Osteria Nandone zu speisen, einem charmanten Restaurant an der Giogo-Passstraße, nur wenige Kilometer von Sant’Agata entfernt.

    Reservierung empfohlen: Tipps für den Besuch

    Die Antica Osteria Nandone ist besonders beliebt, daher empfiehlt es sich, eine Reservierung vorzunehmen, um sicherzustellen, dass man die gesamte Speisekarte genießen kann. Reservierungen sind nur am ersten Tag des Monats zwischen 11 und 13 Uhr möglich und gelten nur für den laufenden Monat (Stand: August 2024). Für eine schnelle Rückmeldung kann auch WhatsApp genutzt werden.

    Obwohl wir ohne Reservierung kamen, hatten wir Glück und konnten einen kleinen Tisch draußen ergattern. Das Fiorentina-Steak, das wir genossen, war außergewöhnlich zart und saftig – ein wahrer Genuss! Es war mein erstes Fiorentina-Steak, und ich kann es jedem empfehlen, der in der Region ist.

    Fiorentinasteak

    Am Abend haben wir uns auch Zeit für einen Besuch in Borgo San Lorenzo genommen, wo der Sieger des Palio di San Lorenzo in diesem Moment verkündet wurde.

    Entdeckung des oberen Mugello und Vicchio

    Am zweiten Tag entschieden wir uns, das obere Mugello zu erkunden, indem wir durch die Gemeinden von Westen nach Osten fuhren. Der Begriff „Alto Mugello“ ist relativ neu und wurde eher erzwungen – traditionell wird dieses Gebiet als Teil der Florentinischen Romagna bezeichnet. Es handelt sich um historische Besitzungen Florenz’ nördlich der Apennin-Wasserscheide.

    Via di Panna: Eine malerische Route durch das Mugello

    Von Sant’Agata aus nahmen wir die Via di Panna, eine Straße, die bei der Gemeinde Galliano von wunderschönen Zypressenalleen gesäumt wird. Nichts schreit mehr nach Toskana als diese ikonischen Zypressen! Da es im Mugello nur wenige Straßen gibt, die mit dieser Baumart geschmückt sind, lohnt es sich, sofort ein paar Fotos zu machen, sobald sich die Gelegenheit bietet.

    Der Deutsche Soldatenfriedhof Futa: Ein historischer Ort

    Die Via di Panna führt uns weiter und mündet in die SS65 vom Futa-Pass. Hier folgen wir den Schildern zum Deutschen Soldatenfriedhof Futa, der die gesamte Fläche eines Hügels in der Nähe des Passes einnimmt. Dieser Friedhof erinnert an die erbitterten Kämpfe, die während des Zweiten Weltkriegs in dieser Region stattfanden, da das Alto Mugello von der Gotischen Linie durchquert wurde.

    Im Jahr 1961 begann der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit dem Bau des Friedhofs, um die Überreste der deutschen Soldaten zu bestatten, die auf italienischem Boden gefallen waren. Insgesamt ruhen hier 30.683 Soldaten. Am Eingang des Friedhofs gibt es eine Informationsstelle, die Register mit den Namen der gefallenen Soldaten in alphabetischer Reihenfolge enthält. Diese beinhalten nicht nur die Namen von Soldaten, die auf dem Futa-Friedhof beerdigt sind, sondern auch die von Soldaten, die auf anderen deutschen Soldatenfriedhöfen in Italien liegen.

    Firenzuola: Geschichte, Architektur und Sandstein im Mugello

    Der nächste Halt auf unserer Reise ist Firenzuola, das wir den Schildern folgend erreichen. Bevor wir in das Zentrum von Firenzuola kommen, lohnt sich ein Blick auf die romanische Pfarrkirche Cornacchiaia (Pieve di San Giovanni Decollato), die eine lange Geschichte hat. Eine Kultstätte an diesem Ort ist bereits in der Spätantike bezeugt. An der Außenwand der Pieve findet sich eine interessante Verzierung, die derjenigen der Pfarrkirche Sant’Agata ähnelt – allerdings nur halb.

    Firenzuola: Ein weiteres Vorposten von Florenz

    Wie Scarperia wurde auch Firenzuola als strategischer Vorposten von Florenz gegründet, was auch im Namen der Stadt deutlich wird. Die stadtplanerische Struktur von Firenzuola ist rational und gut durchdacht, ähnlich der von Scarperia.

    Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und der brutalistische Baustil

    Firenzuola wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, weshalb viele Gebäude, darunter die Kirche San Giovanni Battista, im brutalistischen Stil wiederaufgebaut wurden. Dieser Stil ist typisch für viele italienische Städte, die während des Krieges bombardiert wurden.

    Firenzuola und der Sandsteinabbau

    Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal von Firenzuola ist die Gewinnung von Sandstein, der nicht nur in der Region selbst verwendet, sondern auch für den Bau wichtiger florentinischer Gebäude genutzt wurde.

    Von Firenzuola nach Palazzolo sul Senio: Ein malerischer Ausflug im Mugello

    Von Firenzuola aus folgen wir der Imolese Bergstraße, die sich entlang des malerischen Flusses Santerno zieht. Entlang dieser Strecke gibt es mehrere Strände, die zum Baden einladen, besonders im charmanten Dorf Coniale.

    Coniale und die Strada Provinciale della Faggiola

    In Coniale nehmen wir die Strada Provinciale della Faggiola, die uns zum Paretaio-Pass führt. Von hier geht es weiter hinunter nach Palazzolo sul Senio, einem hübschen kleinen Dorf, das vom Wildbach Senio durchflossen wird.

    Palazzolo sul Senio: Geschichte und Architektur

    Im Jahr 1362 fiel Palazzolo sul Senio unter den Einfluss von Florenz, was sich in der architektonischen Struktur des Dorfes widerspiegelt. Wie in Scarperia findet man auch hier den Palazzo dei Capitani, ein bedeutendes historisches Gebäude, das an die florentinische Herrschaft erinnert.

    Palazzolo sul Senio – Palazzo dei Capitani

    Marradi: Eine Herrschaftliche Stadt im Apennin

    Die Reise führt uns durch den Hauptplatz von Palazzolo und weiter auf der Provinzstraße Casolana-Riolese. Nach der Überquerung des Carnevale-Passes erreichen wir schließlich Marradi, die dritte und letzte Hauptstadt des Alto Mugello. Marradi unterscheidet sich deutlich von Firenzuola und Palazzolo sul Senio.

    Während Firenzuola die Struktur einer florentinischen Kolonie hat und Palazzolo sul Senio ein spontanes Bergdorf ist, das am Fluss Senio entstand, präsentiert sich Marradi als eine herrschaftliche Stadt, die sich in einer schwierigen Lage mühsam entwickelt hat. Die Stadt hat ihren besonderen Charme und ist ein faszinierendes Beispiel für städtische Entwicklung in den Apenninen.

    Geburtsort berühmter Persönlichkeiten

    Marradi liegt an der Eisenbahnlinie Florenz-Faenza, der einzigen Eisenbahnverbindung im oberen Mugello. Die Stadt ist besonders bemerkenswert, da sie die Geburtsstadt zahlreicher berühmter Persönlichkeiten ist – eine erstaunliche Tatsache für eine Stadt inmitten des Apennins. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten gehören der Dichter Dino Campana und der Ingenieur sowie Architekt Rocco Guerrini, der die Spandauer Festung in Berlin entwarf.

    Spaziergang durch die Stadt und Entdeckung der Archiroli

    Bei einem Spaziergang durch die Stadt sollte man unbedingt das Viertel Archiroli besuchen. Dieses charmante, kleine Viertel ist bekannt für seine typischen Häuser und eine nahegelegene Brücke, unter der früher die Wäscherinnen der Stadt ihre Arbeit verrichteten. Ein echter Einblick in die Geschichte und Kultur der Gegend!

    Der Rückweg über den Passo della Colla und der Fluss Lamone

    Für den Rückweg in Richtung Borgo San Lorenzo haben wir den Passo della Colla gewählt. Die Straße führt entlang des malerischen Flusses Lamone, an dem es zahlreiche Strände gibt, die perfekt zum Abkühlen einladen. Besonders in der Nähe von Crespino gibt es mehrere Zugänge zum Wasser, und auch mit dem Zug kann man bequem dorthin gelangen.

    Vicchio und die Cimabue-Brücke: Ein historischer Ort

    Wenn man Borgo San Lorenzo erreicht und in Richtung Vicchio fährt, lohnt es sich, in Le Balze von der Hauptstraße abzubiegen und dem Hinweisschild zur Cimabue-Brücke zu folgen. Hier soll Cimabue zum ersten Mal dem jungen Giotto begegnet sein, während dieser auf einem Stein zeichnete. Zwei Stelen bei der Brücke erinnern an dieses historische Treffen.

    Giottos Geburtsort und die Statue in Vicchio

    Giotto wurde in der Nähe von Vicchio, auf dem Hügel von Vespignano, geboren. Dort kann man sein Geburtshaus besuchen und mehr über das Leben dieses berühmten Künstlers erfahren. Auch auf dem Hauptplatz von Vicchio steht eine beeindruckende Statue von Giotto, die seine Bedeutung für die Kunstgeschichte würdigt.

    Barbiana: Ein einzigartiger Ort im Mugello

    Die letzte Etappe unserer Reise durch das Mugello führt uns nach Barbiana, einem Ort in der Gemeinde VicchioBarbiana ist zwar kein richtiges Dorf, sondern besteht nur aus einer Kirche und einem angrenzenden Pfarrhaus, das am Ende einer langen, zunehmend schmaleren Straße liegt. Auch wenn dieser abgelegene Ort zunächst unscheinbar wirkt, hat er eine besondere Geschichte.

    Barbiana: Ein Ort der Geschichte und Veränderung

    Barbiana hätte für immer unbemerkt und unverändert geblieben sein können. Doch in den 1950er und 1960er Jahren wurde dieser kleine Ort zu einem Symbol für Bildung und soziale Veränderung in Italien. Was hier geschah, sprach sich schnell im ganzen Land herum und machte Barbiana zu einem historischen Punkt der italienischen Geschichte.

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